Wenn Antiquariate plötzlich für KI leergekauft werden

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Wie Antiquariate zu Rohstofflieferanten der KI-Industrie werden könnten
Wie Antiquariate zu Rohstofflieferanten der KI-Industrie werden könnten: Project Panama

TLDR: Warum Antiquariate im deutschsprachigen Raum plötzlich leergekauft werden und weshalb die eigentliche Geschichte nicht in einem Lagerhaus beginnt, sondern in einem Gerichtssaal in Kalifornien.

Wie Antiquariate zu Rohstofflieferanten der KI-Industrie werden könnten

Zwischen drei und fünf Uhr morgens gehen in Antiquariaten in Deutschland, Österreich und der Schweiz Bestellungen ein, die zunächst wie gewöhnliche Onlinekäufe aussehen. Erst bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein ungewöhnliches Muster.

Bestellt werden keine wertvollen Erstausgaben, keine seltenen Sammlerstücke und kaum Romane. Stattdessen kaufen automatisierte Systeme Sachbücher, Fachliteratur, juristische Werke, regionale Geschichtsbände, technische Handbücher und wissenschaftliche Publikationen. Häufig genau ein Exemplar pro Titel. Der Zustand scheint kaum eine Rolle zu spielen.

Manchmal gehen Hunderte Bestellungen in einer Nacht ein. Dann bleibt es mehrere Tage ruhig. Sonntags, so berichten Händler, passiert auffällig wenig.

Als Käufer taucht immer wieder derselbe Name auf: Zoom Books. Die Ware geht an ein Lager im sächsischen Kodersdorf, nahe der Grenze zu Polen. Was danach mit den Büchern geschieht, ist nicht öffentlich dokumentiert.

Genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Geschichte.

Denn das Kaufverhalten ergibt für den klassischen Antiquariatshandel wenig Sinn. Wer Bücher weiterverkaufen will, achtet auf Zustand, Nachfrage und Marktwert. Wer eine Sammlung aufbaut, sucht gezielt nach Themen, Ausgaben oder Autor.

Hier scheint etwas anderes zu zählen: der Inhalt.

Nicht das Buch ist wertvoll, sondern sein Text

Für die Händler sind die Bestellungen zunächst ein gutes Geschäft. Bücher, die teilweise seit Jahren in Lagern liegen, finden plötzlich einen Käufer. Titel, die im normalen Markt kaum gefragt sind, können auf einmal verkauft werden.

Doch warum kauft ein Unternehmen systematisch alte Sach- und Fachbücher?

Eine mögliche Erklärung liegt in der Entwicklung künstlicher Intelligenz. Sprachmodelle benötigen grosse Mengen an Text. Entscheidend ist dabei nicht nur die Menge, sondern auch die Qualität. Gefragt sind präzise Fachsprache, historische Ausdrucksweisen, redigierte Texte und Inhalte, die im offenen Internet nicht oder nur unvollständig verfügbar sind.

Das Netz enthält zwar Milliarden Dokumente. Doch viele davon wiederholen sich, sind schlecht strukturiert oder stammen aus denselben Quellen. Hinzu kommt, dass ein erheblicher Teil der frei verfügbaren Inhalte bereits für das Training bestehender Modelle genutzt worden sein dürfte.

Gedruckte Bücher bieten etwas, das im Internet zunehmend knapp wird: sprachliche Tiefe.

In Antiquariaten lagern wissenschaftliche Werke, technische Dokumentationen, juristische Kommentare, Regionalgeschichte und Fachliteratur aus Jahrzehnten. Viele dieser Texte wurden nie digitalisiert. Andere sind urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht ohne Weiteres online verfügbar.

Für Leser sind diese Bücher Wissensspeicher. Für KI-Unternehmen können sie Trainingsmaterial sein.

Damit verändert sich ihre wirtschaftliche Funktion. Das Buch wird nicht mehr nur als kulturelles Objekt oder Handelsware betrachtet. Es wird zur Quelle von Daten.

Die Spur zu «Project Panama»

Dass KI-Unternehmen physische Bücher in grossem Stil kaufen und digitalisieren, ist keine blosse Spekulation.

Anfang 2026 berichtete die Washington Post auf Grundlage entsiegelter Gerichtsunterlagen über ein internes Vorhaben des KI-Unternehmens Anthropic. Der Codename lautete «Project Panama».

Das Ziel war ambitioniert: möglichst viele Bücher der Welt zu digitalisieren.

Dabei ging es nicht um das schonende Scannen, wie man es aus Bibliotheksprojekten kennt. Die Bücher sollten zerlegt werden, damit sich die einzelnen Seiten schneller durch Hochleistungsscanner führen lassen. Nach der Digitalisierung war das physische Exemplar nicht mehr verwendbar.

Dieses Verfahren wird als destruktives Scannen bezeichnet. Es ist schnell, skalierbar und aus Sicht eines Datenunternehmens effizient. Aus Sicht von Archiven, Bibliotheken und Antiquariaten ist es endgültig. Ein so verarbeitetes Buch kehrt nicht mehr in den Handel zurück.

Anthropic hatte dafür Fachleute verpflichtet, die Erfahrung mit grossen Digitalisierungsprojekten besassen. Einer von ihnen war Tom Turvey, der zuvor im Umfeld von Google Books tätig gewesen war.

Damit ist ein wichtiger Teil der Geschichte belegt: Ein führendes KI-Unternehmen hatte einen konkreten Plan, physische Bücher zu kaufen, zu zerlegen und als Trainingsmaterial zu verwenden.

Nicht belegt ist hingegen, dass die heutigen Einkäufe von Zoom Books Teil von Project Panama sind. Ebenso wenig ist bestätigt, dass Anthropic oder ein anderes bestimmtes KI-Unternehmen hinter den Bestellungen im deutschsprachigen Raum steht.

Diese Trennung ist wichtig. Doch sie macht die Vorgänge nicht weniger relevant.

Der entscheidende Moment fand im Gerichtssaal statt

Der eigentliche Wendepunkt war nicht das Digitalisierungsprojekt selbst. Er entstand durch ein Urteil im Verfahren Bartz v. Anthropic.

In diesem Fall musste ein US-Gericht klären, ob Anthropic urheberrechtlich geschützte Bücher für das Training seiner Sprachmodelle verwenden durfte. Dabei unterschied Richter William Alsup zwischen zwei Arten der Beschaffung.

Ein Teil der Bücher war von Anthropic legal gekauft und anschliessend digitalisiert worden. Andere Texte stammten aus sogenannten Schattenbibliotheken, also aus nicht autorisierten digitalen Sammlungen.

Das Gericht bewertete diese beiden Wege unterschiedlich.

Die Nutzung legal gekaufter und anschliessend digitalisierter Bücher für das Training eines KI-Modells konnte nach Auffassung des Gerichts unter die amerikanische Fair-Use-Doktrin fallen. Problematisch war dagegen die Beschaffung über illegale Quellen.

Diese Unterscheidung wirkt auf den ersten Blick technisch. Wirtschaftlich ist sie jedoch weitreichend.

Denn sie setzt einen klaren Anreiz: Wer nachweisen kann, dass Bücher rechtmässig gekauft wurden, verbessert seine rechtliche Position erheblich.

Rechnungen, Liefernachweise und dokumentierte Käufe sind damit nicht nur Teil einer gewöhnlichen Buchhaltung. Sie können zur juristischen Absicherung einer Datenbeschaffung werden.

Aus einem ungeklärten Vorgehen entsteht ein Marktmodell:

Buch kaufen.
Eigentum dokumentieren.
Inhalt digitalisieren.
Daten für das Training verwenden.

Das physische Buch kann danach entsorgt werden.

Das Antiquariat als Datenmine

Für Antiquariate entsteht daraus ein widersprüchliches Geschäft.

Kurzfristig bringen Grossbestellungen Umsatz. Schwer verkäufliche Bestände finden Abnehmer. Lager werden leerer. Kapital wird frei.

Langfristig kann genau dieser Prozess jedoch die Substanz des Marktes schwächen.

Der Antiquariatshandel lebt davon, dass Bücher zirkulieren. Ein Titel wird verkauft, gelesen, weitergegeben und später erneut angeboten. Manche Werke wechseln über Jahrzehnte mehrfach den Besitzer. Sie tauchen in neuen Zusammenhängen auf, werden von Forschenden wiederentdeckt oder gelangen in Sammlungen und Bibliotheken.

Ein destruktiv gescanntes Buch verlässt diesen Kreislauf endgültig.

Das ist besonders relevant, wenn es sich um Fachliteratur handelt, die nicht mehr nachgedruckt wird. Ein einzelnes Exemplar mag unbedeutend erscheinen. Werden jedoch Tausende oder Hunderttausende solcher Bücher systematisch aus dem Markt genommen, verändert sich ihre Verfügbarkeit.

Was heute als lukrativer Verkauf erscheint, kann morgen eine Lücke im kulturellen und wissenschaftlichen Bestand hinterlassen.

Der Vorgang erinnert an Rohstoffabbau: Ein vorhandener Bestand wird wirtschaftlich verwertet, aber nicht erneuert.

Was wir wissen und was wir vermuten

Die Geschichte ist stark genug, ohne Lücken mit Gewissheiten zu füllen.

Belegt sind die ungewöhnlichen Massenbestellungen in Antiquariaten, Zoom Books als Käufer, das Lager in Kodersdorf, die Recherchen zu Project Panama und das Gerichtsurteil im Fall Bartz v. Anthropic.

Belegt ist auch, dass Anthropic physische Bücher beschafft und destruktiv digitalisiert hat.

Nicht belegt ist ein direkter Zusammenhang zwischen Zoom Books und Anthropic. Es ist ebenfalls nicht nachgewiesen, dass die aktuell gekauften Bücher für das Training künstlicher Intelligenz verwendet werden.

Zoom Books bestreitet einen solchen Zusammenhang und bezeichnet sich als Recyclingunternehmen. Ob das Unternehmen Bücher selbst verarbeitet, weiterverkauft oder im Auftrag Dritter handelt, bleibt offen.

Das Dementi ist deshalb genauso Teil der Geschichte wie die Indizien.

Journalistische Sorgfalt verlangt, diese Grenze sichtbar zu halten. Wer aus einer plausiblen Vermutung eine bewiesene Verbindung macht, schwächt die eigene Argumentation.

Die grössere Entwicklung bleibt trotzdem bestehen: Gedruckte Bücher haben als Quelle für Trainingsdaten einen neuen wirtschaftlichen Wert erhalten. Das Gerichtsurteil schafft dafür zumindest in den USA einen rechtlichen Rahmen.

Europa exportiert nicht nur Bücher

Die Vorgänge berühren eine Frage, die weit über den Antiquariatshandel hinausgeht.

Wenn deutschsprachige Fachliteratur, historische Werke und wissenschaftliche Publikationen in nordamerikanische KI-Systeme einfliessen, wird kulturelles Wissen Teil einer globalen Wertschöpfungskette.

Die Texte entstehen in europäischen Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturräumen. Die Rechte liegen bei Autor, Verlagen oder deren Nachfolger. Die physischen Exemplare werden in Europa gesammelt und gehandelt.

Der wirtschaftliche Nutzen der daraus entstehenden Modelle fällt jedoch vor allem bei grossen Technologieunternehmen an.

Zurück kommen Produkte, die auf diesem Wissen aufbauen: Sprachassistenten, Suchsysteme, Unternehmenslösungen und automatisierte Wissensdienste.

Europa exportiert damit nicht nur Papier. Es exportiert Sprache, Fachwissen und kulturelles Gedächtnis.

Diese Entwicklung wirft Fragen auf, die in der Debatte über KI-Souveränität oft zu kurz kommen.

Wer kontrolliert die Trainingsdaten?
Wer entscheidet über ihre Verwendung?
Wer erhält einen Anteil an der Wertschöpfung?
Und was geschieht mit Beständen, die nach der Digitalisierung physisch verschwinden?

Die Diskussion über europäische KI wird häufig auf Rechenzentren, Chips und eigene Modelle reduziert. Doch technologische Souveränität beginnt früher. Sie beginnt beim Zugang zu Daten und bei den Regeln, nach denen sie beschafft werden dürfen.

Die wichtigere Frage

Vielleicht wird sich aufklären, wer hinter den aktuellen Grossbestellungen steht. Vielleicht führt die Spur zu einem KI-Unternehmen. Vielleicht handelt es sich um eine andere Form der Verwertung.

Für die grundsätzliche Entwicklung ist diese Antwort weniger entscheidend, als es zunächst scheint.

Die wichtigere Frage lautet nicht, wer diese Bücher heute kauft.

Sie lautet: Was passiert, wenn ihr Inhalt wirtschaftlich wertvoller wird als ihr physischer Bestand?

Dann verändert sich das Antiquariat vom Ort der Zirkulation zu einem Ausgangspunkt industrieller Datengewinnung.

Und ein Gerichtsurteil in Kalifornien kann darüber entscheiden, was in den Kellern von Buchhändler in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschwindet.

Disclaimer: dieser Artikel wurde nach meinem eigenen Wissen und dann mit Recherchen mit KI (Perplexity.Ai und Gemini.Google.com) manuell zusammengestellt und mit Deepl.com/write vereinfacht. Der Text wird dann nochmals von zwei Personen meiner Wahl gelesen und kritisch hinterfragt. Das Bild stammt aus KI-generierter Bildgebung (Ideogram/Adobe Firefly). Dieser Artikel ist rein edukativ und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bitte melde dich, wenn Du Ungenauigkeiten feststellst, danke.

Quellen und weitere Informationen

Schaffer, A., Oremus, W., & Tiku, N. (2026, January 27). Inside an AI start-up's plan to scan and dispose of millions of books. The Washington Post. https://www.washingtonpost.com/technology/2026/01/27/anthropic-ai-scan-destroy-books/

Dobler, M. (2026, 8. Juni). Kaufen US-Firmen Antiquariate leer? Ja, fürs KI-Training. Dr. Web. https://www.drweb.de/kaufen-us-firmen-antiquariate-leer-ja-fuers-ki-training-2/

GameStar. (2026, Juni). KI-Firmen kaufen massenweise Bücher und werfen sie hinterher in den Müll. https://www.gamestar.de/artikel/ki-firmen-antiquariate-buecher-training-vernichten,3455160.html

Literaturcafe.de. (2026, 11. Juni). Kaufen KI-Unternehmen deutsche Antiquariate leer? https://www.literaturcafe.de/kaufen-ki-unternehmen-deutsche-antiquariate-leer/

Nordbayern.de. (2026). Zoom Books steht in der Kritik: Kauft ein KI-Unternehmen Antiquariate leer, um Bücher zu vernichten? https://www.nordbayern.de/service/buchtipps/zoom-books-1.15188584

Alsup, W. H. (2025, June 23). Order on fair use (Bartz v. Anthropic PBC, No. 3:24-cv-05417-WHA, Document 231). United States District Court, Northern District of California. https://www.courtlistener.com/docket/69058235/231/bartz-v-anthropic-pbc/

United States District Court, Northern District of California. (2025). Bartz et al. v. Anthropic PBC, No. 3:24-cv-05417-WHA, Memorandum Opinion and Order Granting Preliminary Approval of Class Action Settlement (Document 437). https://law.justia.com/cases/federal/district-courts/california/candce/3:2024cv05417/434709/437/

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